
“And I drive into the wilderness / And I drive to find a sense of purpose” (Pere Ubu - “Dark”)
Ich nehme das nächste Mal jedenfalls wieder den Zug. Man muss ja nicht die letzte Fahrt von Krems nach Wien um 21:03 in Anspruch nehmen, wo sich ohnehin immer irgendein bekanntes Gesicht samt Motorisierung finden lässt. Jedenfalls ist die Wahrscheinlichkeit von Stau und Verirrung bei einer Bahnfahrt ungleich geringer, und man kommt dementsprechend dann auch nicht zu spät zum Konzert…
Ich bin erst während Janitor Of Lunacy, ursprünglich ein Song von Nico, ins Set von Soap&Skin geplatzt. Und könnte jetzt sagen, dass das gerade noch rechtzeitig war. Wenn auch laut zurechtgekommenen Hörern bereits die vorangegangene halbe Stunde beeindruckend war, wage ich dennoch unwissenschaftlich zu behaupten, dass dieses vernichtend vorgetragene, vernichtend einschlagende Lied den emotionalen Höhepunkt des Auftritts symbolisierte. Mir fällt auch nach langem Überlegen kein ehrlicheres, dankbareres und würdevolleres Kommentar zu dieser Darbietung ein, als zu sagen: Nico covern - Soap&Skin darf das. Ein Geschenk an alle Menschen mit wehmutsbrennendem Herzen.

Soap&Skin (Fotos: Florian Schulte)
Aus dieser wundervollen Überfallsmelancholie wieder herauszufinden, wäre mir wohl die kommenden Tage nur schwerlich gelungen, hätten sich die Veranstalter dieses kontraste-Abends der “brüchigen Lieder” nicht dankenswerterweise dazu verpflichtet gefühlt, Pere Ubu nachzuschicken. Nicht, dass ich mir meine Melancholie gerne nehmen lasse, aber durch die hohe Kunst der Ironie lasse ich sie mir abstreiten …
Zur durchaus “seltsam” anmutenden Künstlerkombination ließe sich noch anmerken, dass die sogenannte “Art-Punk”-Band Pere Ubu sich, nicht weniger als Soap&Skin, auf Geister versteht. Alle Ubu-Songs handeln laut Eigendefinition nämlich ausschließlich von “ghost towns” und gleichen sich deshalb auch wie ein Ei dem anderen (abgesehen von Titel, Text und Melodie, wie Ansager David Thomas im selben Atemzug versichert - wer behauptet, das sei reichlich unglaubwürdig, der ist übrigens brav bei der Sache).

Pere Ubu (Fotos: Florian Schulte)
Spätestens bei den Geistern, die jetzt zum Vorschein kommen, sollte dann jeder im richtigen Film sein: Willkommen in der schiefen und doch so geraden Welt von Pere Ubu. Alsda wären a) Elvis und b) Wayne Kramer von den MC5, die aktuell telefonische Beziehungen mit Thomas unterhalten und ihm a) die Songs schreiben (“Flames Over Nebraska”, der eindeutig beste Song, den Elvis je nicht geschrieben hat) oder b) mit dem heiligen Auftrag belegen, den Punksong für das Jahrtausend zu schreiben. Weiters gesellen sich zu dem illustren Reigen c) Justin Timberlake, d) Madonna und e) Sting. Diese Hochgehaltenen wiederum dienen dem an Idendentitätskrisen scheiternden, dafür umso “freieren” David Thomas als komparatistische Kratzbäume (”What would Sting do?” Antwort: Yoga!).
Und zu guter Letzt sei ohne das Wissen oder Zutun der offiziellen Bandstimme ein sechster Geist vorgestellt, der den ganzen Abend und wohl schon viel länger über ihr schwebt: f) Helmut Qualtinger. Ein Bruder wiewohl in Geiste und Optik(!), weiß David Thomas wie diese Wiener Legende, bittersüß zu unterhalten, die Selbst- und Weltironie auf die Spitze zu treiben, den Chauvinisten, Menschenfeind und/oder Herrn Karl zu mimen und vorbildlich engagiert dem “guten Tröpferl” zu fröhnen. Und nebenbei schwarze Lieder zu singen, aus “verdammt wieviel?!?” Jahren auf der Bühne:
links: David Thomas
(Foto: Florian Schulte)
rechts: Paul Wittgenstein (l) und Helmut Qualtinger (r)
(Foto: Gino Molin)
Neuere und ältere, beispiellose Hadern wie Slow Walking Daddy aus dem Albun “St. Arkansas”), Two Girls (One Bar) (aus dem Album “Why I Hate Women”), Street Waves und The Modern Dance (aus dem gleichnamigen, legendären ‘78er-Album). C’est Avant-Garage (Qu’est-ce que c’est?), c’est… fuck genres!
Die virtuosen Wegbegleiter Thomas’ an Synth / Theremin (Robert Wheeler), Bass (Michelle Temple), Gitarre (Keith Moliné) und Drums (Steve Mehlman) stehen dabei übrigens in keinster Weise im Schatten des großen Mannes mit der tiefen Fistelstimme. Während die Rhythumsabteilung den Punk wie den Downtempo-Song ins Zuhörerbein schickt und soetwas wie “Struktur” vorgibt, stürzt sich die heulende, ächtzende und knacksende Elektronik auf selbige, sofern sie nicht schon vom Besessenen am Mikrofon zurechtverbogen wurde. “Seltsame Musik” - in your face.

Die original falsche Setlist. Nicht nur Rezensenten irren sich.
David Thomas entschuldigt sich für sein unkoordiniertes Benehmen und sein Versagen. Als Mann, als Charmeur, als Popstar: “The only thing in front of me is the grave!” Das Grab - und ein bestens unterhaltenes Publikum, das derartig unprätentiöse Abgeklärtheit in Wort wie Ton selten wird miterleben dürfen.
Sag auf Wiedersehen zum modernen Mittelmaß des Jungen und Populären, halte dich an die alkoholisierten Mittfünfziger (ohne Sinn für Yoga!): “Don’t need a cure / need a final solution”. Michael Giebl
Montag, 13. Oktober 2008 , 22:32
hahahah!! qu.!! wie die faust aufs auge!
Montag, 13. Oktober 2008 , 22:34
http://de.youtube.com/watch?v=YK68543KnZ4