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Populärmusik für Fortgeschrittene

.plattenkritik:pj harvey - “white chalk”*

Spröde, karg, nüchtern - so beschreibt man wohl PJ Harveys neues Album “White Chalk” am besten. Der Titel ist natürlich kein Zufall, sondern Konzept. Das beginnt schon beim Artwork. Keine Lyrics, nur ein schwarzer Schuber, auf dem in schlichtem Weiß die Tracks und Credits aufgedruckt sind. Vorne ein Foto der Sängerin, wie sie in einem weißen Kleid und mit neutralem Gesichtsausdruck vor einer schwarzen Wand sitzt. So simpel, so ausdrucksvoll. Man vermutet schon, das es hier keine Party zu finden gibt, sondern eher Ruhe und Dunkelheit.

Das ist ja eigentlich nichts Neues bei PJ Harvey. Finsternis gab es bei ihr immer und spröde klang ihre Musik auch schon immer. Egal ob sie, wie in frühen Tagen, laut und punkig spielte oder später mit elektronischen Beats arbeitete - immer war ihr Sound roh und rau.
Und doch ist “White Chalk” anders als alles, was man bisher von ihr zu hören bekam. Erstmal setzt sich PJ Harvey alleine ans Klavier und klingt tatsächlich so nüchtern und trocken wie weiße Kreide.
Dass auf dem Album eine Vielzahl von Instrumenten zu hören ist, merkt man erst, wenn man die Credits liest - so sehr stellt Harvey das Piano und ihre Stimme in den Vordergrund. Höher, heller und zerbrechlicher klingt sie diesmal, sie schreit und wütet nicht mehr, sie fleht und flüstert diese dunklen Songs. Kein Wunder, dass Nick Cave in ihr eine Muse fand. So freundlich und spirituell sie sich in Interviews oft präsentiert, so düster sind weiterhin ihre Geschichten. In “Dear Darkness” gibt sie sich der Dunkelheit hin, in “Broken Harp” erzählt sie von einem leeren Leben und Enttäuschungen und im Titelsong deuten die Bilder von ungeborenen Kindern und blutigen Händen an, dass es wohl um Abtreibung geht.

PJ Harvey blickt wieder in ihr und unser dunkles Herz und legt Abgründe offen. “White Chalk” ist schöne Musik und sicher kein Album für jede Jahreszeit. Wenn dann passt es am ehesten in den Herbst. Und hier ist nicht der bunt belaubte Oktober gemeint, sondern der Totenmonat November, wenn die meisten Stunden des Tages im Dunklen liegen, Regenwolken der Welt die Farbe entziehen und von den Bäumen nur noch die Knochengerüste stehen. Dann greifen diese ruhigen und nüchternen Geschichten, die uns PJ Harvey hier mit weißer Kreide auf die schwarze Tafel schreibt. Momentan, wo draußen noch die Sonne scheint, sind die ohnehin knappen 33 Minuten dieser Platte, auf der sehr wenig passiert, zum Schluss hin doch ein wenig lang.



Kommentare zu “.plattenkritik:pj harvey - “white chalk”*

  1. pezi meint:

    …vier songs aus dem album haben’s auf meine ipod-playlist geschafft: white chalk, silence, the piano und before departure - ansonsten triffts ‘totenmonat november’ ganz gut hätt ich gsagt :)

  2. Michael Giebl meint:

    und ich hab großspurig verkündet, das sei für mich die erste winterplatte des jahres… eine, die die herbst-vergänglichkeit schon hinter sich hat. so trostlos…

  3. christoph meint:

    “die die Herbstvergänglichkeit schon hinter sich hat” - schöner Gedanke…passt auch gut. Aber trostlos is für mich der November auch. Vielleicht sogar mehr als der Winter, der dann mit dem ganzen Schnee (wenn er denn kommt) schon wieder was üppiges hat.



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