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Populärmusik für Fortgeschrittene

.filmkritik: Into the Wild (USA, 2007)*

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“Into the Wild”. Ein Leben. Ein Schicksal. Das Leben des jungen Christopher McCandless diente Jon Krakauer bereits als Romanvorlage und nun hat Oscarpreisträger Sean Penn die rastlose Sinnsuche nach dem Ursprung und der Freiheit in einen packenden zweieinhalbstündigen Kinofilm gezaubert. Pearl Jam-Frontman Eddie Vedder steuerte den Score bei, der durch seine karge Akkustikgitarre und den metallischen Klang der Saiten die Kälte und die Weite der Wildnis Alaskas einfängt.

Chris McCandless, Anfang 20 und gerade mit dem Studium an einer rennomierten amerikanischen Universität fertig, sollte nach den Vorstellungen seiner gut betuchten Eltern eigentlich ein von Erfolgen gekröntes Leben in Wohlstand führen. Doch Chris verschwindet ohne ein Wort des Abschieds aus ihrem Leben. Einzig seiner jüngeren Schwester teilt er seinen großen Plan vom Leben als Tramper mit. Chris löst seinen mehrere Tausend Dollar schweren Ausbildungsfonds auf und schickt den Scheck an Oxfam, die damit die Not hungerleidender Menschen lindern soll.

Ausgangspunkt seines Abenteuers ist Atlanta. Von da aus fährt er mit seinem klapprigen Datsun in die Welt; doch als er in einem ausgetrockneten Flußbett durch eine Springflut fast ertrinkt, lässt er auch sein ramponiertes Auto zurück und macht sich nur mit einem Tramperrucksack auf den Weg. Fortan nennt er sich Alexander Supertramp. Den Weg nach Fairbanks, Alaska, dem Ziel der Reise, legt er in einem Kajak durch den Hooverstaudamm paddelnd - bis nach Mexiko - und zu Fuß zurück. Er lernt das Aufspringen auf fahrende Güterzüge um - wie die Beat-Autoren damals reisten - als Schwarzfahrer wieder in die Vereinigten Staaten zurück zu kommen.

Er trifft Wayne einen Farmer, bei dem er einige Monate bleibt und auf seiner Farm arbeitet um sich ein bisschen Geld zu verdienen. Das Hippiepärchen Jan und Rainy lesen ihn am Straßenrand auf und nehmen den jungen, charismatischen Tramper auf. Und zuletzt trifft Chris auf den greisen Ron Franz, der ihn in sein Herz schließt und ihn adoptieren möchte, nachdem ihm Chris die Geschichte aufgetischt hat, dass er keine Familie hat. Natürlich, für ihn sind der dominante Vater, der nichts von den Flausen und Ideen seines Sohnes wissen wollte, und die duckmäuserische Mutter, die niemals gegen ihren Mann aufbegehrte, seitdem er Atlanta im Sommer 1990 verlassen hatte, nicht mehr existent.

Im Frühjahr 1991 erreicht McCandless endlich Fairbanks. Von dort macht er sich mit einem Kleinkalibergewehr, ein paar Kilo Reis, einem Buch über die Pflanzenwelt Alaskas und jeder Menge Idealismus im Rucksack auf den Weg in den Denali Nationalpark. Bald findet er einen verlassenen Linienbus, den er als Quartier bezieht und geht von dort aus auf Erkundungstour. Er führt Tagebuch, liest Bücher wie Krieg und Frieden oder Walden und genießt sein Einsiedlertum. Hin und wieder erlegt er ein Eichhörnchen oder einen Vogel. Einmal sogar gelingt es ihm einen Elch zu erschießen, doch in der - mittlerweile - Sommersonne ist das Fleisch, das er eigentlich räuchern will, der perfekte Lebensraum für Maden und wird für den Verzehr ungenießbar. Entsetzt vermerkt Chris in seinem Tagebuch den Tag an dem er den Elch geschossen und ihn ausgeweidet hat als den traurigsten Tag in seinem Leben.

Er beschließt die Heimreise anzutreten. Genug mit der Einsiedelei. Denn - so seine Erkenntnis nach Monaten in der rauen, eisigen Einöde des Polarkreis - was bringt ihm all sein Glück, seine Zufriedenheit, wenn er sie denn doch mit niemandem teilen kann. Der Trail, der ihn zurück nach Fairbanks bringen soll, ist durch die Schneeschmelze und einen hochwasserführenden Fluss leider nicht erreichbar. So muss Chris wieder umkehren und noch ein paar Wochen warten. Seine Vorräte sind knapp und werden knapper; so beginnt er Wurzeln und Beeren zu sammeln, die er mit den Bildern in seinem Pflanzenbuch vergleicht um auch ja nichts falsches zu erwischen.

Die größten Tragödien schreibt das Leben selbst. Wie bitter ist die Erkenntnis, als Chris bemerkt, dass er sich seit Tagen von einer giftigen Pflanze ernährt. Eine Verwechslung mit einer genießbaren Wurzel lässt ihn innerhalb kürzester Zeit Gewicht verlieren und Lähmungserscheinungen treten ein. Schließlich ist der Körper zu schwach und der junge Mann, der nur eine Auszeit von den Erwartungen und Pflichten haben wollte, die das Leben und vor allem seine Eltern an ihn stellten und einforderten, der junge Mann, der eigentlich schon gar nicht mehr hier sein wollte, weil er es satt hatte allein zu sein, stirbt allein in der Wildnis Alaskas. In dem Linienbus, der für Monate sein Zuhause geworden war.

Sean Penn versteht sein Handwerk. In großen, weiten Bildern und langsamen Kamerafahrten fängt er das Abenteuer des Chris McCandless ein. Er hält sich an die biografische Romanvorlage und findet sogar noch einen Weg Krakauer’s Erzählstil, die Briefwechsel zwischen Chris und den Menschen, die ihn auf seiner Reise ein Stück begleiten, einzubauen ohne dass es störend wirkt. Mit “Into the Wild” schafft Penn einen starken, berührenden Film dem Publikum zu präsentieren ohne in die kitschigen Abgründe der überhöhten Hollywoodromantik abzugleiten. Zugleich findet sich der Zuseher in einem aufwühlenden Gefühl der Beklemmtheit wieder; dies Eingedenk dessen, dass diese Geschichte auf wahren Tatsachen beruht und nicht zuletzt durch die herausragende schauspielerische Leistung des Jungstars Emile Hirsch. Der bewusst eingesetzte Soundtrack, der in seiner Einfachheit eindringlicher nicht sein kann - und mit Eddie Vedder von einem Meister seines Faches vorwiegend gezupft wird - zeigt an den richtigen Stellen Wirkung, sodass bei Chris’ (biografisch nicht belegten) Duett im Hippielager “Angel from Montgomery” neben Gänsehaut auch die eine oder andere Träne verstohlen im Augenwinkel glitzert.



Kommentare zu “.filmkritik: Into the Wild (USA, 2007)*

  1. oli meint:

    cooler film, coole kritik! :)

  2. pezi meint:

    hmm irgendwie macht die kritik ja lust auf den film, andererseits weiß man nach dem lesen dann wieder bereits zu viel drüber hihi :)

  3. angela meint:

    also. der film ist großartig. ich war und bin noch immer berührt von der charakterzeichnung des protagonisten. so jung und schon so weise. da krieg ich auch gleich lust mir ein kanu zu schnappen und die strohmschwellen ohne helm hinunter zu paddeln. die schauspieler verfügen über das wunderbare talent mich komplett von ihrer arbeit zu überzeugen und ich zweifle keinen einzigen augenblick an der echtheit ihrer gefühle. der film wird dadurch stark und bringt mich dazu die kullernden tränen schnell und heimlich weg zu wischen. bevors noch jemand sieht.

  4. nic meint:

    hab mir den Film gestern angeschaut und fand ihn auch recht gut, allerdings ist der Film doch etwas glatt und romantisiert den Idealismus von Alex. Aber für diese Schwächen entschädigt eindeutig der Sound…



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