
tag 4: Lügner - Nazis - Feuerstein … (30.April ‘08)
… Dagegen nimmt sich das offizielle Festivalmotto “angst - obsession - beauty” freilich harmlos aus. Dennoch wollen wir bei diesem verbleiben. Der Rezensent weiß also sehr wohl, warum er nicht in der Marketingabteilung des Donaufestivals sitzt. Unter anderem, weil erzu Arbeitsantritt gleich mal zu spät gekommen wäre, so wie am Tag 4 des Donaufestivals 2008 zu den Goldenen Zitronen & Irm Hermann.
Was dem Vernehmen nach durchaus als Versäumnis einzustufen ist, möchte man unzuverlässigen Quellen glauben schenken. Aber dass die Zitronen Texte der begnadeten Jahrhundertcombo Scooter rezitiert haben sollen, klingt einfach zu gut, um von Aufmerksamkeitsheischern erfunden worden zu sein. Glauben wir also den Pünktlichkommern und kommen dafür gleich zu den wahren Lügnern des Abends, den Liars.
Die Letzten werden die Ersten sein, sagte einst ein Konkurs gegangener Lebensmittelhändler, und in dieser Nacht traf das tatsächlich zu. Die vier Herren aus LA mussten bis 01:30 Uhr erwartet werden, waren demnach also die letzten Entertainer (DJ und Abstürzer ausgenommen) der letzten Aprilnacht. Die Ersten waren die Liars hingegen in Sachen Nachhaltigkeit: die gnadelose Rockperformance dieser Band war die Komprimierung von 20 Jahren (hörbarer) Musikgeschichte in eineinhalb Stunden, die im Kopf noch lange nachklingt. Obwohl die Töne und Melodien der Kompositionen nicht auf Anhieb hängenbleiben, glaubt man doch, ein derartiges Konzert noch nach seinem Ende mit sich herumzutragen - wenn auch in unbestimmbaren Körperregionen. Vielleicht gibt es in zehn, vielleicht aber auch schon in zwei Jahren dann auch eine eigens maßgeschneiderte Genre-Schublade für diese Art von Musik. Bis dahin muss sich die Rezeption der Liars aber noch damit behelfen, dass die Band noch immer Gitarren, Schlagzeug, Gesang und Co. bedient, die klassische Art, darauf zu spielen, aber bis an die Grenzen von Lärm, Punk und Pop-Experiment ausreizt.
Sicherere Beobachtungen lassen sich da schon mittels der Sehorgane machen, die einem den Frontman Angus Andrew als einen zweiten Nick Cave vorstellen. Adrett gekleidete und sich wild-manisch gebärdende, australische Schmalhänse werden sich den Vergleich wohl noch Jahrzehnte gefallen lassen müssen. Bei den Liars jedenfalls kann man davon ausgehen, dass sie sich die (zumindest optische) Assoziation mit der legendären Birthday Party stehen lassen. Mit ihrem Auftritt beim Donaufestival 2008 schaffen die vor einem heimeligen Kaminfeuer auf Leinwandgröße aus der Haut fahrenden Tausendsassa jedenfalls den Boden für eine Legendenbildung, die sich ähnlich wie bei genannten Vorzeigeozeaniern entfalten könnte.
Dagegen musste all das im Kaminfeuer vergehen, was programmtechnisch davor kam und auch metaphorisch ein Davor markierte: Kenneth Anger mit seinem Hitlerjugend-Film “Ich Will!” sowie seiner “Technicolor Skull” Performance; die gewaltigen aber gleichzeitig wenig originellen Melvins (bei denen der Rezensent - aus welchen Gründen auch immer - an die Familien Feuerstein und Geröllheimer denken musste); die auch irgendwie der Zeit unterworfen wirkenden Fuckhead. Theremin, Art-Metal und Trashpunk-SM-Performance, die all ihrer Ambitionen zum Trotz schon Gehörtes und schon Gesehenes symbolisierten. Unerhört waren einzig die Lügner. Musik, bei der wieder irgendetwas geschieht. Und wieder hat das Donaufestival als Wegweiser gesiegt. Michael Giebl
tag 5: Fear what you fear! (1.Mai ‘o8)
Naked Lunch / Thomas Woschitz, Universalove
„Fear what you fear/Hope what you hope/Love what you love/Hate what you hate/ …”
Das Motto des diesjährigen Festivals ist in diesen Textzeilen schon stimmig wiedergegeben.
In der wunderbaren Atmosphäre der entweihten Minoritenkirche war diese Präsentation besser aufgehoben als in den Hallen des Messegeländes, man hätte aber lieber auf Kinosesseln Platz genommen, als in einem langen schmalen romanischen Raum zu stehen. Die Band, kaum erhellt unter einer Leinwand, hielt sich optisch gebührlich gegenüber den zweidimensionalen Eindrücken eines angenäherten Spielfilms von Thomas Woschitz (nicht das erste Filmprojekt miteinander) brav zurück; auf großteils von Dialogen begleiteten Begegnungen wiederkehrender Menschen und Paare auf drei Kontinenten zusammengesetzt, spricht der Film unterschiedliche Beziehungslagen oder –suchen an. Die kurzen Dialoge quasi als Intro nehmend, fallen 3+1 abgedunkelte Männer in für die letzten Alben nicht untypische gefühlvolle Verhaltenheit, die sich immer wieder in ein Tremolo steigert. Die Gitarre kommt aus dem Keyboard.
Nicht nur, weil im Film viel mit dem Auto gefahren wird – gibt es Pannen, wird man auf die oder andere Weise abgeschleppt -, kann sich das Publikum bewegt fühlen. In eine Thematik wie (universal) love kann sich fast ein/e jede/r finden.
Xiu Xiu
Eins der wohl mit besonders großer Spannung erwarteten Konzerte des heurigen Donaufestivals. Vor vier Jahren in Wien mit Caralee McElroy mit zwei Harmonia und Gitarre gesehen, diesmal in Gruppengröße, T-Shirts und Jeans: ein in kürzester Zeit in Schweiß geratender Jamie Stewart, daneben Cousine McElroy an Keyboard, Melodica, Querflöte, Kinderxylophon; Devin Hoff und Ches Smith an Bassgitarre, E-Bassgeige (gestrichen wie gezupft) und schließlich Schlagzeug, das Jamie Stewart mit Extratrommeln zuweilen verstärkt.
Wenn dem so ist, dass der schmächtige und stetig unter Strom stehende Stewart gegen seine eigene Dämonen ansingt, anspielt, so glaubt man das allein schon seiner Physiognomie. Vor dem dritten Lied allerdings fällt offenbar der Strom des Synthesizers aus; lange vor jedem Techniker tauchen Jamie und Caralee unter und knüpfen an den Kabeln – blitzschnell greifen seine Finger wie sonst in die Saiten seiner Gitarre – er ist geschmeidig, er ist hektisch, jung und immerzu zeitlos – bricht er nun zusammen oder hielte er seine Performance noch viele Stunden durch? Am Tonus seiner Bewegungen versteht man erst, wie es zu den Vergleichen mit Ian Curtis kommen könnte; in der Beschilderung des Festivalprogramms musste Scott Walker als Reverenz herhalten – nun doch: die hohe melodische Stimme – aber das hier hat ein eigenes Tempo, eine eigene Getriebenheit, an die sich ein Publikum nicht gewöhnen kann trotz Bezüge für jede nur je bewusst sich auslebende Seele. Es ist eben echt, was da geboten wird.
Dieses Konzert vergeht nicht wie im Rausch – aus einem Guss will Zerrissenheit nicht dargeboten werden, umso weniger beruhigt oder lullt es ein. Unbehagen mag erwünscht sein. Ich war vorbereitet und genau deshalb ängstlich erwartungsvoll – es ist durchaus möglich, dass man all diesen Pathos nicht schluckt, an sich vorbeiziehen lässt. So bleiben noch die möglichen Einstiegspunkte, die die Entladungen kurzer Songeinheiten unterbrechen, einleiten oder beenden: dafür sorgt mit Bedacht Caralee McElroy durch sporadischen aber regelmäßig verteilten Einsatz schon genannter kleiner Instrumente sowie ihrer filigranen Kopfstimme.
Die Bühneninstrumentierung überhaupt klingt klirrender, gegenüber den Studioerzeugnissen zugänglicher, lässt auch eine Prise Rock zu. Vor jedem Lied – und Xiu Xius Lieder sind kurz – muss eine neue Dynamik entstehen, passiert vor den Augen des recht dankbaren Publikums ein Akt neuer Konzentration, hektische Vorbereitung des nächsten. Gegen Ende des inklusive Zugabe wenig über eine Stunde dauernden Auftritts verausgaben sich vier Musiker in geräuschender Dekonstruktivität – der Drummer streicht die Stöcke über die Blechtrommel, was einen gespenstischen Effekt nimmt; Jamie Stewart dagegen prügelt das Schlagwerk mit voller Wucht. Aus.
Tortoise
Es sind nur fünf, die da so ein sattes Ensemble bilden. Fünf nicht mehr ganz junge Vollblutmusiker: John McEntire, Jeff Parker, John Herndon, Douglas McCombs, Dan Bitney. Mit zwei Drumsets im Vordergrund wird begonnen und fallweise akzentuiert, zentral hinten John McEntire am Keyboard, selbst er tauscht einmal das Instrument. Vibraphone wollen öfter einmal zum Einsatz kommen. Hier wird stetig umgruppiert, gerade die Gitarre bleibt ruhig in Jeff Parkers Händen.
Zu all dem analog-digitalen Zusammenklang stößt schließlich der Beitrag aus einer Hammondorgel, zuvor schon elektronisch simuliert. Der Einschlag eines 70er-Jahre-Jazzrock wird dadurch nicht übertrieben. Man bedient sich einmal eines Sprachsamples, zweimal gibt es auch einen geruhsamen Song zu hören – wozu die Vibes die markante langsamen Gitarrenakkorde am besten unterstützen. Die Darbietung scheint insgesamt auf allmähliche Steigerung des Sounds ausgerichtet, der beim Publikum sicherlich nicht nur in Folge mancher Alkoholisierung gut ankommt. Die Band macht sich dies zu Nutze und gibt für ein Stück der Zugabe den Klatschtakt vor, der gerne gehalten wird. Zuletzt kommt noch ein Hauch Latin auf … Rumbakugeln und beide Vibraphone links und rechts verbreiten ihre Wirkung.
Um 240 nach eineinviertel Stunden geht das den Abend beschließende Konzert zu Ende – doch halt, einmal kommen die fünf Herren noch auf die Bühne, hier also die angedeuteten Hammondtöne, sie klingen fast mehr nach Gitarre. Das Finale ergibt sich aus einem sessionartigen Nebenher. Die Spielfreude war rauszuhören, nur überboten durch Können aber auch Routine.
Es sei erlaubt, die Besprechung mit folgender Bemerkung zu beschließen: Wenn die Zuschreibung „Postrock“ nicht nahezu für die seit den Spätachtzigern existierende Formation von Tortoise erfunden worden wäre, man müsste meinen, sie hätten den Postrock mit Mitteln des Postrocks überwunden.
Auch zu erwähnen und würdigen: der zwischen spoken words und Blues im Midtempo schwankende Auftritt der Amerikanerin Ursula Rucker und des „Elektro-Impro-Experimental-Duos“ Schnee. Hier treffen alptraumhafte Soundscapes, Gitarrenimprovisation treffen auf schwarze Stimme mit Texten, die Emotionen und soziale Probleme aus afroamerikanischer und weiblicher Sicht thematisieren.
Phosphorescent

Der mit Begleitung durch eine dreiköpfige Band angesetzte Matthew Houk alias Phosphorescent erscheint alleine mit E-Gitarre und Verstärker, aus dem er am Schluss seiner Songschreiberliedern amerikanischer Prägung die Verzerrung und Vervielfachung seiner akustischen Präsenz bereitet. Abgesehen davon eine tiefgehende Folkdarbietung. Christoph Ivenz
Dank gilt Florian Wieser!