Monti

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Populärmusik für Fortgeschrittene

.plattenkritiken: Aus den Kellern der Welt 1*

Nur weil früher alles besser war, ist das noch kein Grund, die manchmal doch rechtfertigbare Gegenwart auszulassen. Deshalb möchte ich in dieser Rubrik ab sofort über plattenvertragsferne Musik aus den heutigen Sub- und Gegenkulturen schreiben. Und darauf habt ihr doch alle schon gewartet!

Magic Zorillo - Wlizlo Picasso / Kraut Bastards In The Black Forest…Or..It’s Uncle Frank!

Diese Wesen, die das Kraut aus dem Rock gezogen haben, um damit fortan Musikexperimente aus dem 23. Jahrhundert zu befeuern, sollen angeblich in Brooklyn hausen. Geboren wurden sie aber ziemlich sicher auf dem Planet der Affen (siehe Bandfotos). Und ihre Musik macht sie weit bedrohlicher als den berühmten Menschenaffen Charlton Heston (der Herr hab’ ihn nicht selig). Die klingt nämlich durchwegs, als würde “Space Jesus” (Track auf “Wlislo Picasso”) während einer seltsam beleuchteten Klolektüre von Douglas Adams, Terry Pratchett oder Rosamunde PilcherApe Shit Crazy” (auf “Kraut Bastards …”) gehen…

Ein dadaistischer Befreiungsschlag gegen das Postrockformat und ein sicheres Vergehen gegen all jene, die ihre Weltanschauung so “bodenständig” zu halten pflegen wie der alte Heston (unselig).

Magic Zorillo-Space

Vaginals

Zurück auf Planet Erde fragt man sich, wo eigentlich die wirklichen Aliens zu Gange sind. Die Vaginals aus San Diego jedenfalls spielen eine Art modernen Experimental-Folk(?), der so seltsame Neo-Hippies wie Devendra Banhart oder gar die famosen Coco Rosie ganz schön normal wirken lässt. “Downsized To A Ponyride” zum Beispiel falsettiert in befremdlichen Klagestimmenhöhen über viel Xylophon und “Orientgitarre” [der "Orient" ist ein Konstrukt des "Okzidents", Anm.], “I Think You Know I Know You Know” lässt die lyrischen Dimensionen der Vaginals-Stücke erahnen. “I Like Cuddle Boner” wiederum sind 23 Sekunden, die selbst die Legoköpfe von Devo als alt und gebrechlich diffamieren (was die inzwischen ja auch sein dürften). Die Fanfaren und Schlachttrommeln von “Squirmer” sind übrigens auch beeindruckender als jene in “Ben Hur” (schon wieder Heston!). Ich sollte mich in Therapie begeben…

Mit großer Freude der Psychiatrie entgegen, musiziert man auch hier für die wahre Befreiung durch Musik.

Vaginals-Space

Für die sozusagen “Daheimgebliebenen” sei Entwarnung gegeben, denn alles Folgende könnte uns die Zwangsjacke noch ein Stück weit fernhalten.

The Opposite Sex - Violent Heartstrings

In hörbar klassischer Tradition des Postpunks stehen The Opposite Sex. Mit ihrem Sänger, dessen Stimme sehr nahe jenen von Ian Astbury (The [Southern / Death ] Cult), Mark Sweeney (Red Lorry Yellow Lorry) oder zeitweise gar Dave Gahan (”Everything“) liegt und dessen Äußeres dem jungen Peter Murphy beängstigend ähnelt, reiht sich die Band in die lange Reihe neben bereits erwähnten Zeitgenossen wie diesen oder diesen. Wobei The Opposite Sex sich gegenüber beidgenannten stärker dem “Punk” denn dem “Pop” widmen. Dabei gelingen ihnen solche Hörenswertigkeiten wie der Titelsong des Albums oder das brachiale “Shattering Walls“.

Das gut produzierte, selbstveröffentlichte “Violent Heartstrings” ist allen Freunden oben fallengelassener Namen ans Herz zu legen.

Opposite Sex-Space

In Corridors - Peace Music (Demo)

Aus keinem geringer fernen Lande als Japan erreichte mich die Demo-CD von In Corridors. Schon allein diesem Umstand gebührte eine Erwähnung, wenn nicht die Musik selbst gut genug dafür hätte. Glücklicherweise ist sie das. Die vier gar nicht “speziell japanisch” klingenden (und auch in Englisch gesungenen) Postpunk-Songs wirken verwandt mit dem Werk von Kultbands wie Wire, The Fall, aber auch Sonic Youth. “Running At Night” und “Rocketship Run“, sind hochwertige Tanznummern, “The Last Day” und “Twilight In The Pyramid House” die gedrosselteren Beispiele von In Corridors, voll mit Distortion- und Flanger-Gitarren in bester The Jesus And Mary Chain-Manier. Mit Neugier erwarte ich die erste In Corridors Veröffentlichung in Albumlänge.

In Corridors-Space

TuePogo E64

Am Ende dieses grenzwertigen Artikels zeigt die Beschäftigung mit den Franzosen TuePogo E64, dass Pogo und Hirn einander nicht grundsätzlich ausschließen. Ihre Experimentierfreude mit den Spielarten des Genres Punk gehen über dasselbige eigentlich hinaus und sind damit schon wieder mehr Post- als sonst was. Ihre Songs handeln dabei nicht nur von Polizei (”Police Police Police“) und Volkswagen (”Ich liebe VW“), sondern auch von Schach-Großmeistern (das fetzige “Bobby Fisher“). Überzeugend geben sich auch Spiellängen von über sechs Minuten…

Ein äußerst hörenswerter Beitrag aus der derzeit hyperproduktiven französischen Untergrundszene (siehe dazu auch den Gratissampler “Poisoned Dead Frogs” von Manic Depression und andere Indie-Projekte und -Labels wie Born Bad oder Zorch Factory).

TuePogo E64-Space

Michael Giebl



Kommentare zu “.plattenkritiken: Aus den Kellern der Welt 1*

  1. john meint:

    Please do! Thanks

  2. kacknorris meint:

    es ist eine fremde und seltsame welt… thnx für den gratis-hinweis von den toten froschschenkeln!



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